Schöne Scheiße

Bei den meisten ist es so, dass sie immer unterwegs sein müssen.

Sie müssen immer weiter und weiter, immer vor etwas fliehen. Wenn es nichts zu fliehen gibt, dann denke sie sich etwas aus, wovor es sich zu fliehen lohnt. Auf der Stelle stehen geht gar nicht. Pause machen und umschauen, ne dafür waren die 
meisten gar nicht aufgelegt.
Einen Flâneur durfte man sich deshalb aber noch lange nicht nennen. In unserer Gesellschaft ist ein Flâneur etwas, das man sich hart erarbeiten muss. Sich einfach so zu nennen ist ähnlich wie Stehlen.
Wenn man sich einen Flâneur nennt, dann kommen die Leute gleich von überall und mustern die filzigen Haare und alles. Dann heißt es nur:
Waren Sie in Paris? Nein.
Waren Sie in New York? Nein.
Kennen Sie denn den Soundso? Nein.
Dann können Sie sich sicher nicht einen Flâneur nennen, das ist ganz gegen das Gesetz. Flâneure sind für die Bourgeois zu der ich nicht gehöre und die Gammler sind viel weiter runter, zu denen gehöre ich aber auch nicht.
Auf der Straße ist es nämlich so; zwei laufen nebeneinander und doch denkt der eine immer, dass seine Schritte größer sind.
Sie werden dich bald einfangen. Du kannst nicht Buddha und Jesus sein. Aber ich bin doch ein verfluchtes Kunstwerk!
Am Hafen treffe ich José, der mir seinen Joint rüber reicht. Jeden Tag höre ich rauchen auf, aber fange jeden Tag wieder an.
José: Ich muss wohl meinen Namen ändern, damit ich mal was anständiges sein kann.
Ich: Wie willst du dich denn nennen?
José: Ich dachte da an Jesus, weil dem ja keiner etwas abschlagen kann.
Das war eine verrückte Sache für mich, dass man ja einfach seinen Namen ändern kann. Dass ich einfach etwas ganz anderes sein könnte, als ich es gerade bin. Ich bin schon immer ein einziger Rausch, der Wirklichkeit ist. Keiner kann intensiver als ich sein, das ist unmöglich.
Auf der Straße ruft mir einer zu: “Käm‘ dir doch mal die Haare!” Aber filzige Haare, das muss schon sein. Das ist ja schon noch Rock'n'Roll, oder? Das wäre ja voll Selbstzensur.
Am Laden ums Eck reicht das Geld gerade noch für einen billigen Merlot. Wenn man mit Rotwein durch die Straßen läuft, halten einen alle für intellektuell und lebendig. Bei Vodka ist das anders, bei Whisky erst recht, aber bei Wein denken alle: "Man, die scheint sich ja richtig gut auszukennen.”
Je weniger Kontrolle, desto mehr Kunst.
Ob ich eine Frohnatur bin?
Ne, das wohl nicht, aber Naturtalent.
Pot und Wein zusammen stimmt mich immer traurig. Ganz am Anfang der Nahrungskette stehe ich ja selbst, weil ich mich jeden Tag durch meine Gedärme und diese ganze Scheiße fresse. Weil ich durch meine Venen beiße und das ganze Zeug. Ist jeden Tag wie auf der Geburtsstation, nur dass es mich ja aus Versehen auch tötet. Jeden Tag töte ich mich ja selbst. Wir sind auch alle ständig immer fast tot.
Auf dem Weg nachhause
frisst sich einer die Hand ab
und zeigt mit dem Finger
nach Westen, weil dort
die Sonne untergeht.
Er würde gerne mit ihr
untergehen, doch sind
wir ja alle gefangen
in unserer Wirklichkeit
die uns jeden Tag
ein bisschen
schlechter macht.
Er nimmt einen
Backstein und
schlägt ihn gegen
seinen Kiefer,
damit er nicht
mehr muss.
Wenn du verstanden und gespürt hast, dass du unmöglich bist, dann bist du erleuchtet.
Den ganzen Tag wollte ich nur nach Hause kommen und das ist ja sowieso das Seltsamste, dieses nachhause kommen. Das ist wohl das, was mich von den Flâneuren so unterscheidet; die spazieren und schäkern mit anderen Flâneuren, gehen in die guten Cafés, trinken guten Cappuccino und gehen satt nach Hause, gehen zu ihren Kindern aufs Zimmer, sagen ihnen gute Nacht und morgen dann wieder von vorne.
Ich würde zufällig eine Bleibe finden, vielleicht um Geld schnorren oder wieder auf der Bank schlafen. Später entschied ich mich dann für die Bank und der Merlot wird mich wärmen.
Guten Morgen. Meine größte Gabe ist, dass ich die Wirklichkeit wahrnehmen kann. Das können nur sehr wenige Menschen.

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