
Um vier Uhr in der Nacht gab’s lautes Getöse. Nebenan wurden Pfannen, Töpfe und alles Mögliche auf dem Boden verstreut. Tilly hockte wie ein Waschbär in der Küche, auf der Suche nach etwas.
“Du willst wohl, dass die Müllers wieder die Bullen kommen lassen?”, fragte ich genervt, weil sie mir meinen Schlaf geraubt hatte. Zu dem Chaos in der Küche hatte ich nichts zu sagen. Das war nach Trip schon normal für mich geworden.
"Die können alle was erleben.", fauchte Tilly leise in sich hinein. Aus einer Suppenkelle und einem Topfdeckel hatte sie eine Art Schlagstock gebaut und versuchte ihr Konstrukt nun vorsichtig vom Boden zu heben. "Er wird es bereuen, ganz schlimm bereuen wird er es!"
Der Schlaf hing noch über meinen Augen und ich sah Tilly nur noch durch die Küche sausen und halb nackt aus der Tür nach draußen sprinten. München wurde gerade vom Winter überfallen, doch das machte der Tilly nichts. Die Gesetze der Welt konnten ihr gar nichts.
Hinterher sprinten war zwecklos, aber ich tat es trotzdem. Wenn deine Freundin um 4 Uhr in der Nacht auf Trip aus der Wohnung sprintet, dann sprintest du eben hinterher. Das ist Frauen Sache!
Eine Weile lang rannte ich ihr nach über die Hauptstraße und dann Richtung Ostfriedhof an den Bahngleisen entlang. Ein lustiges Bild mussten wir für die spät Reisenden im ICE schon abgegeben haben. Tilly, halb nackt, mit ihrem rostigen Suppenkellen-Schlagstock und ich, im türkisfarbenen Bikini, völlig verschlafen und reif fürs Bett.
Am Ostfriedhof hatte Andy sein Atelier. Ein schäbiges Ding, in dem er gerade wohnte, weil seine Frau von der Affäre mit Tilly Wind bekommen hatte.
"Komm raus, du Wichser!", schrie Tilly und schlug mit dem Suppenkellen-Schlagstock auf einen Autospiegel ein. "Komm runter!"
In den umliegenden Häusern gingen Lichter an und Fenster wurden geöffnet. Das war hier ganz großes Kino, wir lieferten eine richtige Show ab. Der Suppenkellen-Schlagstock gab schließlich nach, während der Autospiegel heile blieb. Puh, nochmal Glück gehabt.
"Macht euch weg hier!", schrie einer aus dem gegenüberliegenden Fenster und in Andys Atelier rührte sich weiterhin nichts. Es überraschte mich jedes Mal aufs Neue, wie friedlich diese Männer schlafen konnten und ich hatte genug von ihnen neben mir liegen sehen, um es sicher zu wissen.
Tillys Wut verschwand langsam, dafür kletterte die Erschöpfung und die Traurigkeit der anderen Frau in ihr Gesicht. Ein Zusammenbruch konnte nicht mehr verhindert werden. Sie rutschte herunter auf die Knie und das Gesicht neben den Händen auf den Boden. So wie andere beteten, so weinten wir Frauen.
"Ach Tilly, das wird alles gut werden...", aufmunternde Worte, die niemanden aufmunterten. Von irgendwoher rief ich ein Taxi und schaffte es Tilly hinein zu befördern.
"Er wird raus kommen... er hat mich sicherlich nicht gehört, nein, nein." Ich sah mich um, wie im Karussell, die umliegenden Fenster weit geöffnet, Lichter aus den Reihenhäusern strahlten auf uns hinab. Na sicher, er hatte sie bestimmt nicht gehört. Er ist eben ganz Mann.
"In die Luisenstraße.", gab ich dem Taxifahrer an.
"Habt ihr denn Geld?" Das sah man uns einfach an, dass wir kein Geld hatten.
"Nee, das nicht."
"Dann müsst ihr wohl wieder aussteigen."
"Wenn wir aussteigen müssen, wird Tilly sich ihren Autospiegel vorknüpfen."
Unbeholfen schaute der Taxifahrer zu Tilly herüber, die ihren Kopf gegen die Fensterscheibe gelehnt hatte und wortlos nach draußen starrte. Wenn man sie nicht kannte, konnte man sie für verrückt halten. Sie hörte der Unterhaltung nicht zu und ihre unveränderte Miene spiegelte sich. Dann schaute er wieder zu mir und entschied sich dazu, uns in die Luisenstraße zu fahren.
Im Dunkeln konnte ich es hier beinahe mögen. Jeder lebte so für sich und der Mensch war Mensch, eben nichts weiter. Bei Nacht hatten wir alle dasselbe Bedürfnis und das war der Schlaf. Ich gähnte lautlos und sah zu Tilly herüber. Ich konnte nicht sagen, ob sie wach war oder nicht.
Der Taxifahrer bog in die Luisenstraße ein und wollte uns gleich loswerden. "Den Rest könnt ihr laufen, weit ist es nicht mehr!" Der wurde gleich schroff und da konnte man gar nicht mehr mit dem reden.
Schön, gegen einen Morgen-Spaziergang hatte ich gar nichts einzuwenden. Tilly schlief nicht, denn als ich ausstieg, rührte sie sich gleich und stieg zu mir aus. Der Taxifahrer zögerte keine Sekunde und dampfte ab, während wir uns auf den Weg ins Paradies machten. So nannten wir jedenfalls unsere Bude.
Ich schleppte Tilly die Treppen rauf. Wenn die Wut den Körper erstmal verlässt, ist es schwer, sich aufrecht zu halten und nun hatte auch bei Tilly die Erschöpfung durchgesetzt. Schlaf ist Virus und er holt uns jede Nacht.
"Wirst du schlafen können?", fragte ich, als ich sie ins Bett verfrachtet hatte und die Decke über ihren halb-nackten Körper zog. Jetzt sah sie aus wie ein Kind, ein altes verschrumpeltes Kind, aber eben ganz Kind. Schlaf ist auch Parasit.
"Morgen wird er sich entschuldigen..." Aber sie bekam es schon gar nicht mehr mit, war im Halbschlaf versunken. Halbschlaf ist das erste Stadium des Virus.
Ans Schlafen konnte ich jetzt nicht mehr denken, also ging ich wieder vor die Tür und zündete mir eine Zigarette an. Drinnen durfte nicht geraucht werden, wegen einer defekten Gasleitung, das sind alles Sachen, von denen ich nichts verstehe.
Sonnenaufgang im Winter gab's nicht. Sonne im Winter gab's selten. Ich stand in meinem türkisen Bikini auf der Treppe zum Haus und rauchte, beobachtete die zivile Gesellschaft, wie sie zur Arbeit fuhren. Davon verstand ich sogar noch weniger.
Über dem Bikini trug ich einen gelb grünen Kimono mit Stickereien und Pailletten, den Tilly mir gehäkelt hatte. Das war in ihren guten Zeiten, in denen sie noch vom Frau-sein schwärmte. Die Farben waren auf mich abgespielt, Gelb und Grün und das türkise auf meinem Körper. Es war, wie Mandela malen, das Mensch sein.
Statt einem Sonnenaufgang gab's blaues Licht und ein Polizeiwagen fuhr vor. Zwei Männer in schwerer Uniform stapften rüber und musterten mich. Meine blondierten störrischen langen Haare und der dunkle Ansatz, mein Mascara, der unter den Augen zu einem Teich zusammen geflossen war und die Zigarette, die noch in meiner Hand qualmte.
"Wir suchen Jeanette Reinikel. Wo können wir sie finden?" Kein nettes Hallo, keinen guten Tag. Gleich zur Sache, die Bullen, gefällt mir.
"Was wollen sie denn von der?" Aber das durften die nicht sagen, gaben die Bullentiere gleich an. Die durften das wohl einfach nicht.
"Nenn' mich doch Jeannie." Ich wollte gleich dicke Freunde mit denen werden, aber dazu waren die gar nicht aufgelegt. Der Größere von ihnen war wohl verärgert über die Spielchen, die ich trieb.
"Sie erinnern sich bestimmt, dass sie ihr Kind in die Obhut eines gesetzlichen Vertreters abgeben mussten?" Auf dem Gesicht des anderen sah ich ein dreckiges Lächeln. Wenn ein Mann einer Frau etwas nehmen konnte, etwas, das sie selbst erschaffen hatte, dann führte das bei einem Mann zu einem solchen Lächeln.
"Ach, davon habe ich sehr wohl gehört." Da half nur ein Zug an der Zigarette. Seit drei Monaten lebt das kleine Ding nun beim Jugendamt.
Die Bullen musterten mich wegen meiner Gleichgültigkeit. Regelmäßig ging ich vor Beamten auf die Knie, regelmäßig schreie und heule ich, Schnodder und Tränen rennen im Wettlauf meine Wangen herunter. Heute fühlte ich mich nicht zum Schreien oder Heulen. Vielleicht packt mich das Schlaf-Virus auch bald.
Einer von ihnen erzählte mir von gewissen Unterlagen, die ich hätte einreichen müssen. Da geht es um Fristen und Termine, mit solchen Sachen habe ich nichts zu tun.
Jeannie: So etwas nennt sich Bürokratie und die tötet uns doch ab
Bulle: Tja, als Mutter haben sie schon gewisse Pflichten
Jeannie: Werden mir denn diese Pflichten mein Kind nach Hause bringen?
Anderer Bulle: Wir vermuten es nicht, aber sie sind doch eine Mutter
Jeannie: Für Sie bin ich immer dann eine Mutter, wenn ich es gar nicht sein will
Die Zigarette zerdrückte ich unter meinem Schuh und verzog mich wieder nach drinnen. Von den Bullen kam kein Wort mehr. "Der ist nicht mehr zu helfen", dachten sie wohl und verschwanden mit dem Blaulicht. Irgendwo ist immer was zu tun. Schlafen wollte ich nicht mehr. Das Schlaf-Virus war ein blöder Zuhälter.
Ich kochte Kaffee auf und legte ein paar Holzscheiten in den Ofen. Wollen wir die Kiste mal zum Laufen bringen. Auf dem Tisch drehte ich mir einen Jointchen zusammen und rauchte am offenen Fenster, während der Ofen das Paradies langsam wärmte.
Später kam Tilly aus ihrem Zimmer gekrochen und setzte sich zu mir. "Habe ich ihn umgebracht?"
"Leider wieder nicht." Und wir lachten, sie rauchte Joint und ich trank einen Kaffee. Vom Sternzeichen her war sie Zwilling, deshalb war sie ständig auf der Suche nach einem Gegenstück, nach etwas. Ich war Waage, hatte aber keinen Schimmer, was das zu bedeuten hatte.
Den Joint drückte ich gleich aus, als es an der Tür klopfte. Lachen hörten wir auch sofort auf und gaben keinen Muchs von uns. Tilly hatte den Zeigefinger vor die Lippen gelegt und gab mir auf, still zu sein.
"Ich weiß doch, dass sie beide zu Hause sind!", rief der von draußen böse. Das war der Vermieter, der alte Müller. Wir schuldeten ihm ein paar Monatsmieten. Rückstand eben, das passiert den besten. Wir kicherten ganz leise in uns hinein und bald darauf verschwand er, weil er wohl müde von unserem Unfug war.
Aus dem Fenster sah ich ihn gehen, er stieg in seinen dunklen Opel Corsa und weg. Ja ja, der Müller, der konnte einem schon leidtun. Hier bleiben wollten wir danach jedenfalls auch nicht mehr, weil sich jetzt so eine schlechte Energie hier ausbreiten würde, wegen des Stinkstiefelmüllers.
Am späten Morgen wanderten wir herum und suchten eine Bar, in der wir unterkommen könnten und landeten schließlich im alten Theater in der Zeppelinstraße. Das alte Theater als Zeppelin, das war eine gute Sache, in Gedanken flog ich in den roten Samtsitzen durch den Himmel.
"Seid ihr auf Trip?" Faber tauchte hinter uns auf. Er hatte da so eine Gabe, dass er uns überall aufspüren konnte. Das passierte vielleicht aber auch nur deshalb, weil wir uns immer an denselben Orten trafen. Ja ja, das ist bei uns einfach so eine Sache.
"Nee, Trip ist heute gar nicht.", antwortete ich ihm und er sprang neben uns in den Sessel. Tilly sah ein wenig benommen aus, sie hatte aber auch nicht viel geschlafen.
"Ach, wieso ist denn Trip nicht?", er blinzelte rüber zu Tilly. "Sie hat ihn doch nicht etwa umgebracht?"
Wie weg getreten schüttelte Tilly den Kopf, auch mit ein wenig Enttäuschung oder ganz viel Enttäuschung. Sie war immer noch ganz fester Dinge, dass sie es beinahe geschafft hätte.
"Es gibt ja immer ein nächstes Mal."
Tilly, Faber und ich, das war eingespieltes dreier Duo. Wir waren schon sowas wie Bandenkrieg, aber weniger gefährlich und auch dauernd auf Trip. Faber war so etwas wie ein Urzeit-Buddha, und ich wollte es noch werden.
Kafka, der ist psychedelisch.
Hesse, der ist schon ein bisschen psychedelisch, ist wie gegen eine Wand fahren.
Nietzsche, der ist total psychedelisch, sogar mehr als Kafka.
Das psychedelischste Buch ist die Bibel, aber dazu komme ich später.
Wenn es ganz schlimm um Tilly wurde, dann nahm sie mich mit zu ihrer Wahrsagerin. Wahrsagerin klingt traumartig und jeder denkt gleich an eine alte Frau, graues Haar und ganz weise. Weise kann man wohl nur sein, wenn man uralt ist, obwohl Khadija ganz und gar nicht alt war.
Sie hatte ein ansteckendes, ausgelassenes Lachen. Das war, weil sie aus Algerien stammte und sie deshalb die deutsche Schroffheit nicht gewohnt war. Ihr Akzent war immer etwas melodisch und eigentümlich, ganz perfekt für das traumartige Muster, das sie abgab.
Ihre Geschäfte machte sie in einem kleinen Zeitungskiosk unter der Hand. Da lief jeden Tag Bob Marley und die verkauften da wohl auch noch ganz andere Sachen.
"Hinterzimmer?", fragte sie bloß, als sie uns sah. Hinterzimmer war wohl so eine Art Zauberspruch, da wussten dann gleich alle was los ist und wo es hingeht. Wir nickten, sie steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und wir verschwanden hinterm Perlenvorhang. Im Hinterzimmer roch es nach Gras und Räucherstäbchen. Das war auch so etwas traumartiges.
In ihrem letzten Leben war Tilly eine Nonne in Rom gewesen, das war ums 17. Jahrhundert rum und Faber war ein Pfarrer gewesen, mit dem sie eine Affäre hatte. Das war ganz typisch für Tilly, weil sie ja Zwilling war. Ich war wohl sowas wie eine Straßenfrau, über die alle gespottet hatten. Khadija sagte, dass niemand von uns so richtig religiös gewesen war und das bekämen wir wohl jetzt erst so richtig zu spüren. Das waren alles sowas wie Sünden aus dem letzten Leben. Waage sein bedeutet vielleicht, denselben Berg immer wieder zu bezwingen und auch beim letzten Mal wieder runterzufallen.
Für mich waren das alles schöne Märchen, aber Tilly nahm jedes Wort ganz ernst und wollte bald Bibel lesen. So ganz psychedelisch.
Wir hatten kein Geld, also teilten wir unseren letzten Joint mit Khadija. Die hatte da auch gar nichts dagegen. Khadija trug einen wadenlangen Rock, den sie jetzt beim Sitzen oder Hocken unter die Beine steckte, ganz wie arabische Frauen. Ihr dünnes, sandfarbenes Haar war streng zurückgebunden, und ihre mit nordafrikanischem Kajal umrandeten Augen verliehen ihr einen wilden, durchdringenden Ausdruck.
"Zur Hure könntest du es schon machen.", sagte sie und blies Rauch in die Luft, so wurde alles noch viel traumartiger und die Farben vermischten sich alle zu einem großen bunten Mandala.
"Nee, ich bin sowas wie die ultimative wahnsinnige kiffende Drogenbundeskanzlerin." Lachen. Lachen. Lachen. Im Hintergrund Bob Marley. Das Geschäft vorne war leer. Zeitungen kauft keiner mehr. Tilly sagte Zeitung bringt nie was Gutes.
"Gracias."
Joint war bald darauf leer und wir gingen los, um neues an Land zu bringen. Das war halt Leben - die schrägen Vögel lesen Lebenslinien oder psychedelisch.
Später in der Bar stellte ich mir mich selbst als "woman of the streets" vor. Ich würde mich Wonder Jeanie nennen und ich wäre überall bekannt. Mit überall meine ich in jeder Bar natürlich, wo sich Straßenfrauen eben so rumtreiben.
Wir waren alle ziemlich down, weil keiner Geld hatte und Tilly und ich bald auf der Straße landen würden. Kneipenjesus jonglierte hinter der Bar mit Gläsern, trug sein weißes langes verdrecktes Gewand und plapperte etwas daher. Er war ein guter Geschichtenerzähler und viel besser im Erzählen, als im Jonglieren.
Der Zauberer von Oz
hat meine
Zuckerwatte gestohlen,
um davonzufliegen.
Er tut so, als würde er
auf einem
orientalischen Teppich sitzen.
Er wünscht sich nichts,
bis die Zuckerwatte
vom Regen weggewaschen wird.
Wenn er fällt,
singt er ein Lied,
und zehn Buddhas
werden wiedergeboren.
Wenn er schnell sprach, war es ein Lied oder etwas wie ein Mantra. In spontanen Mantras war er am besten, deshalb kamen wir jeden Abend.
"Lange macht der Müller das jedenfalls nicht mehr mit.", meinte Tilly und Faber kam mit Espresso rüber. Für Alkohol waren wir eigentlich gar nicht zu haben, deswegen tranken wir Kaffee in der Kneipe.
Für fünfzig Mark die Woche Stripperin im Cowboy Schuppen um die Ecke werden, das war schon eine gute Sache, aber die wollten, dass ich mir meine Haare schneide und mich pudere, das alles, das war einfach gar nichts für mich. Unter den Umständen wollte ich gar keine Straßenfrau werden.
Danach hatte ich mich beim Poker versucht und ein paar Zwanziger verdoppelt, das große Geld würde ich da aber nicht machen. Das Geld hatte kaum für die Woche gereicht und für Miete schon gar nicht. Da musste was anderes her.
"Warum gehst du nicht in die Hansastraße?" Faber hatte seinen Espresso in eins runtergekippt. Das war so seine Art, bei ihm musste immer alles schnell schnell schnell gehen.
"Was soll ich denn in der Hansastraße?" Ich nippte etwas am Tassenrand, um zu schauen, ob der Espresso noch heiß war. Tilly hatte sich das Schnurtelefon am Tresen geschnappt und tippte wild eine Nummer ein.
"Straßenfrau werden." Das könnte schon auch so einfach sein. Eben einfach in die Hansastraße gehen und es jemandem dort besorgen. Tilly kam geplättet vom Tresen zurück. Erreicht hatte sie wohl niemanden. Andy hatte sich sicherlich in seinem Atelier verschanzt und das Telefon zum Fenster raus befördert.
"Ihm könnte aber schon auch etwas passiert sein.", sagte Tilly und ich winkte bloß ab und schob den Espresso zu ihr rüber.
"Er ist eben ein Voll-Verweigerer."
Kurs auf Hansastraße. Auf dem Weg sah ich meine Reflexion im Autospiegel eines parkenden Volkswagens: Haare lang und filzig, Zähne krumm und schief. Genauso mochte ich mich ja am liebsten. Aus der Tasche kramte ich einen Lippenstift mit dem Namen Red Satin. Ich fühlte mich ganz Frau.
In der Hansastraße lag die Nacht-Absteige. Am frühen Abend war hier noch gar nichts los und keiner war zum Reden aufgelegt. Der Barkeeper schaute dümmlich in der Gegend rum, sonst nichts.
Es sah auch ganz anders aus, als in der Kneipe. Hier gab's schwarze Ledersofas und rotes Deckenlicht. Alles hatte so eine dunkle Aura, so als läge ich im Schatten von etwas und schaue so rauf zum Himmel, wo gar kein Himmel ist. Ganz schlechter Trip hier, es holt gleich alle Geister wieder aus mir raus.
Ich bestellte einen Drink und es dauerte nicht lange, bis sich der Erste neben mich setzte und mich musterte. Anfangs hielt ich es noch für nötig, den Männern zu erklären, dass ich das ja alles nur für die Miete tat. Wir redeten ein wenig über dies und jenes und dann lud er mich auf sein Zimmer ein.
"Macht es dir was aus, wenn wir Amy Winehouse hören?"
Nee, gar nicht. You know I'm no good zu hören, während ich dem Typen einen blies, war auch eine ganz neue Erfahrung für mich. Das Zimmer war ebenfalls dunkel, so wie die Absteige unten. Das passte mir ganz gut, dann musste ich den Typen nicht ansehen, nicht auf verführerisch machen.
Amy Winehouse machte Stimmung. Der Raum wurde erfüllt von ihr und meinen Schlürfgeräuschen und das fand der Kerl wohl ziemlich erregend. Er kam nach einem Song und einem halben in meinem Mund. Amy wurde lauter als ich schluckte. Vielleicht war das sowas wie eine Warnung. Das böse ist jetzt in mir und ich bin verseucht.
Den Abend machte ich 75 Mark und war dafür jetzt eine echte Straßenfrau. Das sollte jetzt also mein großer Aufstieg in der Szene sein und am nächsten Tag machte ich mich gleich wieder auf in die Hansastaße. Klirrende Gläser, Whiskey, rote Gesichter, harte Penisse, nach hinten gerollte Augen. Am Ende schaffte ich es Hundert Mark von mehreren Männern zusammenzukratzen. "Merci."
Die Hundert Mark schob ich in den Briefkasten der Müllers und von dem letzten Fünfziger kaufte ich Trips bei Kneipenjesus. Es war keine schlechte Art, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Ich sprach viel mit den Frauen in der Hansastraße und auch sie bemerkten, dass die Zeit sich nun dem Neuen zuwenden würde, dass wir uns alle ganz neu erfinden müssten. Tilly trug auch ihren Teil bei und malte jeden Tag an der Staffelei.
"Ich male jeden Tag Paradies, dafür stehe ich mit meinem Namen. GOTT." Für sie war das eine ganz große Meditation, alles vermischte sich auf der Leinwand mit den Farben. Das war die große Wahrheit über Tilly. Oft saß sie dort, von morgens bis abends, spät in der Nacht, wenn ich von der Hansastraße zurückkam. Dann saß sie da, die Miene nicht verzogen, genauso wie in dem Moment, als ich gegangen war. Tilly ist Gott. Oft schwafelte sie auch vor sich her, über einiges, dass ich nicht verstand.
"ALLES ist künstlich. Komplettes Multiversum. Alles ist künstlich. Nur das befreite Bewusstsein ist existent. Alles im Multiversum zusammengefasst, beschreibt eine Aufhebung und Nichtexistenz."
"Ja ja, da wirst du schon recht haben." Und wenn sie ein Gemälde beendet hatte, das heißt, so richtig fertig wurden sie nie, dann fragte ich: "Und was jetzt?"
"Ich denke, ich behalte den Job als Gott jetzt." Das war der Endkampf der Systeme und wir mussten uns mit klar umrissenen Konzepten aus dem Nirvana heraus arbeiten. Gott ist pro Linkspartei.
Khadija hatte sich selbst als meine Mutter wieder entdeckt. Sie brachte mir bei, wie ich aus dem wenigsten einen Eintopf zaubern könnte oder wie ich mit einfachen Stickereien meine Hosen flicken konnte. Das war eine gute Sache.
Sie brachte mir auch bei, wie man sich auf arabische Art die Hände wäscht: Man nimmt etwas Wasser in die linke Hand und gießt es langsam über die rechte Hand, während man die Finger aneinander reibt. Dies wird mehrmals wiederholt, wobei man darauf achtet, dass das Wasser bis zu den Handgelenken fließt. Anschließend wiederholt man den Vorgang spiegelverkehrt für die linke Hand. "So sind die Hände sauber genug, um damit zu essen."
Sie hatte auch große lila Wachsblöcke aus Frankreich importieren lassen und jeden Tag kam mindestens eine Frau ins Hinterzimmer, um sich von Khadija wachsen zu lassen. Es gab dann lange Zeremonien im Hinterzimmer und heute war ich an der Reihe. "Als Straßenfrau musst du dich eben auch geben, wie eine." Und das bedeutet wohl rasiert zu sein.
Das Wachs wurde auf einer kleinen Gasplatte zum Schmelzen gebracht, wir hörten Hendrix, alle rauchten Joint und wir tanzten durch das Hinterzimmer. Hier gab's jeden Tag Party, aber davon wusste keiner.
Als das Wachs weich wie Honig war, verteilte Khadija es auf meinen Beinen, Knien, Achseln und meinem Kinn. Es fühlte sich überraschend warm an, wie zugedeckt werden. Nackt auf dem Boden liegend, Augen geschlossen, alles drehte sich. Die Ränder lösten sich langsam und Khadija riss mit einer schnellen Bewegung das Wachs von meiner Haut. RRRRIIITSCHHH
Der Schmerz war ganz schlimm und herrlich. Ich lachte mich halbtot. Wachsen war schon eine gute Sache, weil das Haar langsamer nachwachsen würde und meine Haut nun so Babyweich war. "Teşekkür ederim."
Khadija verschwand wieder nach vorn, um Zeitschriften zu verkaufen. Es hatte sich eine kleine Schlange gebildet und alle ärgerten sich darüber, dass sie verschwunden war. Tilly legte sich zu mir auf den Boden, der Perlenvorhang wackelte langsam und die Perlen drehten sich. Kleine Mosaike in der Luft. Sie warfen schöne Muster an die Wand. Ein Muster war ein gestreiftes Zebra aus rot und blau, das wurde dann zu lila. Das Zebra nickte langsam den Kopf, das war eine große Zustimmung und später wuchs ihm eine Riesen Pflanze aus dem Rücken, ganz in Gelb und oben der Kopf die riesige Sonne.
"Jeder soll Jesus werden", sagte ich voll auf Trip. "Wenn alle auf einmal teilen und freudig geben, komplett großzügig sind und freudig liebend, und wissend um Nirvana trallalala, dann ist das Paradies auf Erden!!!!"
Tilly stimmte mir da voll zu, die verstand eben einfach und hatte auch Andy endlich mal für einen Augenblick vergessen. Stattdessen beobachtete sie die Perlen mindestens genauso fasziniert wie ich und erkannte darin ihre ganze Lebensgeschichte. Die Sonne spülte die Farben runter auf ihr Gesicht - ein Auge war blau, das andere grün und ihr Mund etwas rot-orangefarbenes. Wieder das menschliche Mandala.
Kurz darauf gab mir Khadija eine weitere Lektion in Sachen Exotica. Sie zeigte mir einen Tanz, den Frauen in Algerien aufführen: ein langer gelber Schal, der das Gesicht leicht verdeckte, wird mit einer Hand gehalten, während man barfuß auf dem glatten Holzboden kreist – erst im Uhrzeigersinn, dann gegen den Uhrzeigersinn, in einem verführerischen Kreis. Es sei eine besondere Art von Tanz, erklärte sie mir, den Frauen nur tanzen, wenn keine Männer anwesend sind. Nicht, dass er in irgendeiner Weise obszön wäre, sondern einfach eine Tradition der Kommunikation unter Frauen und zudem eine Möglichkeit, ihre weibliche Kraft zum Ausdruck zu bringen.
Am Valentinstag gab es das erste Mal LSD. Es war ein Sonntag und alles war geschlossen, also gingen wir in die Abendvorstellung, um zum dritten Mal Die Verachtung zu sehen.
Früh am Morgen hatte Farber unaufhörlich gegen die Tür getrommelt. Ich hatte mich gerade wieder mit den Müllers gut gestellt und das würde mir die ganze Tour versauen. Hatte mir schnell einen Bademantel übergeworfen und öffnete stinkig die Tür. "Was ist denn los, so früh am Morgen?" Tilly hatte natürlich den ganzen Ärger verschlafen.
"Schau, was ich für uns habe!" Er kam einfach rein, sozusagen selbst eingeladen. Hier konnte man schon mal schnell zum Gast werden.
Ich begrüßte Faber wie ein anderes Ich. Es gab einen Kuss auf die Wange. Manchmal auch auf den Mund. Von allen hörte ich, dass wir sehr gut zusammen waren, aber als Paar wären wir zu mächtig. Da spalten sich einfach die Persönlichkeiten, jeder von uns war für sich selbst einfach zu stark. Das würde nie gut gehen.
Vor mir auf dem Küchentresen hatte er etwas papierartiges und buntes gelegt. Kleine Miniatur Mandala, so sah es aus. Ich war gleich furchtbar interessiert. Da erzählte er mir alles über LSD und Traum-sein.
"Das Traum-sein muss erreicht werden von jedem Menschen." Die Kulisse unserer Wohnung passte ganz gut zu unserem ersten Trip; einem ganzen Universum aus mexikanischen Kakteen, Gemälden und perfekt gedrehten Joints, untermalt von den traumhaften Klängen Morrison's.
Aus dem Schrank nahm Faber einen Zuckerwürfel und legte das kleine Mandala oben drauf. Tilly war von dem Gitarren Solo aufgewacht und hatte sich ihre Morgen-Zigarette angezündet. Der Nebel ihrer Zigarette warf Rauchzeichen durch den Raum und alles wurde hinter einem dichten Schleier versteckt.
Tilly legte Janis Joplin auf und der Plattenspieler stolperte ein paar Mal, bis wir uns alle beim Auftakt von Little Girl Blue in die Augen starrten, bist der richtige Moment gekommen war, und mit einem kaum hörbaren Plopp ließen wir sie hineingleiten. Faber hatte schon ein paar Mal Acid probiert und teilte nun den Zauber mit uns. Nach einer halben Stunde war ich ganz auf Trip und begann allmählich alles endlich zu verstehen, wie es wirklich war. In mir schummerte etwas nach oben, wie Raupen wollte es aus mir heraus kriechen. Ich war so etwas, wie eine warme Gegend, aus der etwas heraus kriecht, um ganz frei zu sein. Nach mir frei sein.
Zusammen setzten wir uns auf den Boden, Beine über Kreuz vor den runden Tisch, malten, schrieben Gedichte, rauchten Gras und sangen bis es draußen dämmerte. Ich fand mich auf dem Boden wieder und bestaunte ein Labyrinth aus persischen Teppichmustern. Der Tag war ewig lang und dann ganz kurz.
Für die Abendvorstellung putzten wir uns besonders raus. Tilly hatte mir bunte Perlen ins Haar geflechtet, die aussahen, wie kleine Planeten im blonden Universum. Sie selbst trug eine rosa Brille, die Brillengläser zu Herzen geformt und einen selbst genähten Mantel, der halb fertig war. Faber trug meine Ringe, an jedem Finger einen und dazu lange Muschelketten, an die drei Stück.
"Ich bin wohl eine Art Hippiegott.", bewunderte sich Faber im Spiegel.
"Ja ja, so einen muss es schon geben."
In der Wohnung lag alles zusammen gesammelt herum. Da gab es eine Affenschnitzerei, die Khadija uns aus Algerien mitgebracht hatte. Ein Mitbringsel sozusagen. Auf der Fensterbank lagen Dominosteine, ein grüner Schal aus dem Theaterfundus und kleine Schmuckschatullen, in denen wir das Gras aufbewahrten. Daneben stand ein Bild von Uschi Obermaier, das ich aus der Tageszeitung geschnitten hatte. Das war hier sowas wie ein Altar von gefundenen Sachen.
An der Wand hing ein Kalender mit Bildern von blonden, nackten Frauen. Der Kalender stand noch immer auf dem 2. Juni 1967, Faber's Geburtstag und auch der Tag der Ermordung von Benno Ohnesorg, letztes Jahr.
Im nächsten Moment waren wir schon auf der Straße und Tilly rief ein Taxi herbei. Wie im Film, wir waren ganz in unserem Hollywood gefangen. Alles flog an uns vorbei, ich war der Wind und brachte alles zum Schütteln.
Als wir ankamen, lief der Film bereits seit einer halben Stunde und Brigitte Bardot lag gerade in rotem Kleid auf dem Bett. Der rote Samt floss an ihr herunter, ich konnte sie hinter dem schwindligen Nebel des Trips kaum erkennen. Bald darauf wurde das Bild ganz bedeckt von meinem orientalischen Teppich, der jetzt ganz pastellfarben mit vielen Sternen blinkte.
Ich saß jetzt ganz in mir zurückgelehnt, die Farben spülten über mich. Brigitte Bardot machte ihre Sache gut und ich meine. Wenn ich sie oben auf der Leinwand sah, sah ich mich selbst - blondes Haar und schwarzer Mascara, manchmal trug sie rot oder schwarz. Darüber würde ich mal ein Gedicht schreiben.
Unendlich Lächeln. Warm gehalten in Umarmungen des Universums, das bunt ist und aus allen Farben besteht, die ich nicht kenne. Das bunte hält warm. Schwarz-weiß nicht.
Reden auf Trip ist meistens nicht, das ist Regelbruch, deswegen stand ich auf und ging nach vorn, um mir Popcorn zu besorgen. Die anderen waren still und lachten auch in sich rein. Manchmal kicherten wir zu den unpassendsten Situation. Das ist eben Trip. Ich taumelte an einen Tresen, an dem eine ältere Frau saß und ließ Kleingeld auf den Boden fallen. Beim Aufsammeln fiel mir auf, wie fremd, mit gepressten kleinen Zahlen, das Kupfer aussah. Ich konnte mich nicht entscheiden, mit welchem Geld ich bezahlen sollte, doch irgendwie hatte ich es getan, denn ich kehrte mit Popcorn und Eis am Stiel zurück.
Das Eis machte wieder irgendwas mit mir. Mit jedem Bissen lief mir so ein kurzer Schauer über den Körper, kleine Gänsehaut überall, als würde mein Nervensystem kurz aufblinken. Es stieg mir direkt in den Kopf, kalt und süß und zu viel, und für einen Moment war alles da und ganz einfach, als hätte dieses Eis ein eigenes kleines Universum aufgemacht, nur für mich. Mit unseren Köpfen zurückgelehnt, starrten wir genau auf die Leinwand, auf der Illusionen von Feuerwerken platzten und den ganzen Raum zum Wackeln brachten.
Irgendwo dazwischen Brigitte Bardot und Italien sah ich mein Kind. Das Lachen hallte zu mir rüber, die kleinen Ärmchen waren ausgestreckt, weil sie auf meinen Arm wollte. Dort hatte sie es nämlich am liebsten und sie war hier sicher, ganz bei mir. Sie war wieder ganz meins, so wie sie es mal gewesen war, meine kleine Karma. Da kamen mir gleich die Tränen. Auf Trip weinen darf eigentlich nicht sein, aber wenigstens war bei Trip die einzige Zeit, in der sie mich besuchen kam. Auf dieser Leinwand zwischen Feuerwerk und Funken.
Als Mutter war ich nicht zu gebrauchen. Indem ich mein Kind losließ, könnte ich ihr vielleicht einen Gefallen tun. Wenigstens das. Das Einzige, was ich je richtig machen würde. Einmal im Leben das Richtige. Auf einmal lag alles klar vor mir, und die bunten Lichter fielen herunter wie Glasperlen, zersprangen auf dem Boden und blieben dort liegen, tausend kleine leuchtende Reste, nichts Ganzes mehr.
„Siehst du das?“, fragte Faber neben mir, und erst da sah ich ihn wirklich, seine Augen riesig, viel zu offen, gespiegelt im französischen Sonnenlicht, das noch auf Bardots Windschutzscheibe hing, vermischt mit dem pinkfarbenen Schimmer der Bänder über uns. Wir sagten nichts mehr, mussten nichts sagen, aus Fabers Pupillen kam sowieso schon alles raus, ganze Sätze ohne Wörter. Irgendwann standen wir auf, gingen los, stolperten durch die Reihen schlafender Sitze, als würden wir durch Wasser laufen. Draußen war Nacht, Weißenburger Platz, leer, still, zu groß für uns, und wir liefen einfach, wussten nicht wohin, nur weg, versteckten uns wie Fledermäuse vor irgendwas. Die Kirche war plötzlich da und fühlte sich richtig an, und das bunte Fensterglas spielte mit dem LSD, es gab eine gute Show.
In der Kirche waren wir ganz allein und lagen zusammen niedergestreckt auf einer der Holzbänke. Jede Bewegung war ganz langsam, Schwerkraft war das Einzige, auf das wir uns verlassen konnten. Ich war über Faber gebeugt und öffnete seine Jeans. Wir wollten uns ganz nahe sein auf dieser Dimension.
Sex auf Trip wollte ich unbedingt mal machen. Sein Penis lag schlaff in meiner Hand und da konnte ich tun und machen, was ich wollte, hart wurde er nicht. Nach einer halben Stunde gaben wir schließlich auf, es war kalt, in der Kirche rannte eine Maus. Das verdarb uns einfach die Stimmung. So wollte ich es nicht.
Tilly sitzt auf dem Boden, die Knie angezogen, den Rücken gegen die Wand. Sie erzählt die Geschichte von Noah. Gott sagt ihm, er soll ein Boot bauen, riesengroß, groß wie ein Haus. Für alle Tiere und eben alles was lebt. Noah weiß nicht, wie er das machen soll. Er baut, er schleppt, er sägt. Dann kommt der Regen. Wasser steigt überall, alles ist nass, alles verschwindet unter Wasser. Kein Land, keine Orientierung, nur das Boot, Noah und die Tiere. Die Tiere machen Dreck, der Boden ist rutschig, es stinkt, alles ist eng, alles zusammen. Noah tut, was Gott sagt. Nichts anderes. Tilly schaut auf ihre Hände. „Bibel ist fast so psychedelisch wie leben.“ Das sagt sie, weil sie Zwilling ist. Sie ist wie Noah und braucht von allem das Doppelte. Noah sind wir irgendwie auch alle und niemand ist Gott, das ist das Innere und das kommt langsam nach oben an die Oberfläche.
In der Hansastraße traf ich eines Nachts auf Irene. Es war eine Dienstag-Nacht, also war es regelrecht leer, alles war wie verschlungen. Irene war blond und klein, so wie ich es war. Wenn einer sie sah, dachten sie immer sie wäre etwas zwischen 15 und 40 Jahren. Für ein Kind war sie zu klug und für eine Erwachsene zu klein. So war das ja meistens.
Ich fand heraus, dass Irene aus Tschechien kam, genauso wie ich. Dort war ich in einer Klosterschule und eines Sonntags bei der Messe hatte ich Reiß-aus genommen. Das fand sie ganz wahnsinnig und ich hatte bemerkt, dass hier eine neuartige Frau war, mit einer wunderbaren Seele und mit der ich einen ähnlichen Pakt schließen konnte, wie ich es mit Tilly getan hatte.
"Wir sind so etwas wie ganz neumodische Huren." Irene rauchte. Das tat sie immer. Ich konnte sie mir nicht ohne eine Zigarette in der Hand vorstellen. Das war einfach Irene.
"Da müsste es ein Manifest geben, für neumodische Huren."
Fünf Regeln des Manifests der neumodischen Huren
1. Die neumodische Hure entscheidet selbst über Körper, Arbeit und Preis.
2. Sexualität ist Arbeit, kein moralischer Maßstab.
3. Grenzen sind nicht verhandelbar, sondern gesetzt, verschoben oder beendet.
4. Scham, Rettungsfantasien und Bevormundung werden abgelehnt.
5. Ihre Existenz ist politisch und braucht keine Erklärung.
Irene war so etwas wie ein dirt-angel für mich. Ein Engel voller Dreck ist immer noch ein Engel. Unter Huren war Freundschaft nichts Verlässliches. Viele sagten, es gäbe unter uns keine Freundinnen, nur Konkurrenz auf demselben Stück Straße. Irene hatte mir das Gegenteil bewiesen, heute wurden wir nur noch im Doppelpack gesichtet.
Sie fuhr ein dunkel-grünes Mercedes-Benz Pagoda Cabrio und im Frühling fuhren wir, das Verdeck unten, sie eine Zigarette und ich einen Lolli Pop zwischen den Lippen, eine Spritztour zum Englischen Garten.
"Sind Sie nicht zu jung zum Rauchen?", fragte ein Mann, während wir an der Ampel warteten. Irene klopfte die Asche von ihrer Zigarette an der Seitentür ab.
"Für 40 Mark mache ich es ihnen dort hinten." Sie zeigte auf eine kleine Seitengasse und der Mann wurde rot. Der wollte plötzlich ganz schnell die Biege machen.
Wir waren nicht für die zivile Gesellschaft. Wir waren für den Untergrund. Im Radio warnten sie vor dem Untergrund und vor den Studentenverbindungen. Im Untergrund machen sie einen krank, sie trichtern einen die wirrsten Sachen ein und dann gibt es Drogen. Ja ja, wir sind gemein gefährlich und eben ganz unter dem Grund hihi haha lalelu.
Bald trafen wir uns dann nicht mehr in der Hansastraße. Da war uns das Klientel nicht mehr angenehm. Das hieß, da kamen Männer in Krawatten und die Wichtigtuer, die konnten wir nicht ab. Die zogen sich die Nase hoch und fühlten sich ehrenhaft, wenn sie Trinkgeld gaben. "Heute eine Mark extra, nächstes Mal vielleicht sogar zwei." Aber auf das Kleingeld war geschissen.
Stattdessen versuchten wir es auf dem Kampus der Universität. Es gibt die Welle der neuartigen modernen Hure wirklich, sie müssen sich aber zu helfen wissen. Auf dem Kampus verkauften wir Blasen für 10 Mark. Anfangs verkauften wir uns noch unter Wert, aber die Studenten hatten nicht besonders viel, also zogen wir weiter zum Charles Hotel am Alten botanischen Garten.
Dort trafen wir viele Amerikaner, darunter einen Kerl, der sich als Sohn eines Musikers ausgab. "You a Rockstar?" Sein Englisch war ganz schlecht, aber er zahlte gut, also war ich gutmütig genug um alles, was er sagte, zu glauben. Er sagte, aus mir würde einmal etwas ganz Großes werden.
"Sure."
Ein paar Mal schliefen wir zusammen in seinem Hotelzimmer, bis die Polizei das Zimmer stürmte und ihn festnahm. Es stellte sich heraus, dass er ein gesuchter Juwelendieb aus Rom war. Das war eine gute Nummer.
Als die Presse heranrückte, bedeckte ich mein Gesicht mit meinen strohigen Haaren, nicht weil ich nicht gesehen werden wollte, sondern weil ich Rockstars im Fernsehen gesehen hatte, die es so taten und ich wollte ganz dazu gehören.
Das war also Irene, die andere Liebe meines Lebens.
Oh, Liebling. Ich bin dreimal gestorben und zweimal wieder geboren. Jetzt lebe ich in einer Art Zwischenwelt und alles ist sehr traumartig. Das ganze Leben ist der Halb-Tod, aber ich darf das Universum nicht vernichten.
Nach der nächsten Acid-Party setzten die Müllers uns endgültig auf die Straße. Das war kurz nachdem ich einen Brief bekam, ohne Absender. Ab da begann dann die düstere Zeit, die Zeit in der mich nicht einmal mein eigener Kompass herausführen konnte.
Morgens stand die Bullerei vor der Tür. Zwei Männer, stumpfsinnige Gesichter und die sahen wahnsinnig streng aus. Es waren die beiden Polypen, die schon mal hier gewesen waren, um über mein kleines Kindchen zu sprechen.
"Ja ja, ich bin schon so gut wie weg.", sagte ich und hatte schon die marokkanischen Wandteppiche und das alles zusammen gepackt, aber deswegen waren die gar nicht hier. Der Größere von beiden gab mir einen Brief herüber.
Jeanie,
es war entweder er oder ich, also habe ich mich selbst gewählt. Tilly
Tilly war schon immer ein Mensch von wenigen Worten gewesen. 12 Worte, um mir mitzuteilen, dass sie sich vor einen Zug geworfen hatte. Sie war sofort tot gewesen, sagte einer der Polypen, um mich zu beruhigen. Beruhigt war ich nicht.
Um zur Haustür zu gelangen, musste man fünf Treppenstufen hinauf steigen und ich brach auf jeder dieser Treppenstufen zusammen. Es war ein unendliches Geheul und Geschluchzte, ich war furchtbar dramatisch. Ist wohl Frauensache, sagten die Polypen.
1. Treppenstufe; das kann alles gar nicht wahr sein, es konnte nicht Tilly sein.
2. Treppenstufe; wie konnte sie mir das antun und mich allein lassen?
3. Treppenstufe; das lässt sich alles regeln, ich muss nur mit jemandem sprechen, der das wieder gerade biegen konnte. Irgendwer?
4. Treppenstufe; Tilly ist weg und jetzt ist alles noch viel schlimmer.
5. Treppenstufe; ich muss jetzt von der Treppe aufstehen und gehen, weil der alte Müller mich rausgeschmissen hat.
Mein Ausbruch wurde von allen Nachbarn und sogar der Frau vom Müller beobachtet, die alle unauffällig an die Fenster getreten waren, um auf mich herabzuschauen. Den Tod meiner engsten Gefährtin musste ich hier innerhalb von fünf Treppenstufen herunterschlucken. Trauer mochten sie nicht an Huren, das kam unter dem Mascara nicht gut.
Ich kam in einem verlassenem Wohnblock unter, in dem viele Obdachlose hausten. Eine Hausbesetzerin wollte ich schon immer Mal sein. Jedes Zimmer gehörte jemand anderem und sie hatten es so eingerichtet, wie die verschiedensten Länder. Am ersten Tag schlief ich deshalb in Indien, mit Baumwollstoffen, die in allen möglichen Farben quer unter der Decke und an den Wänden hingen, Kupferschalen, in denen Räucherstäbchen lagen und bunten Kissen, auf denen ich saß, um zu meditieren.
Am zweiten Tag schlief ich in Ägypten, mit Hieroglyphen an der Wand, alten Teppichen und Skulpturen von Katzen oder Pyramiden. Dieses Haus war ein großer Trip und überall schien etwas mit mir zu reden.
Am dritten Tag schlief ich in Pakistan, mit Bokhara-Teppichen verstreut über den ganzen Raum, geflochtenen Körben und bunter Keramik. Hier konnte ich es gut aushalten und doch trieb mich alles zum Gehen weiter.
Am vierten Tag ließ ich das alles hinter mir. Ich war vielleicht die kleinste Frau auf der ganzen Welt.
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