Armut ist keine Abwesenheit von Wohlstand, sie ist eine aktive Form von Gewalt. Eine langsame, strukturelle Gewalt, die nicht schlägt, sondern zermürbt. Sie wirkt durch Mangel, durch ständige Unsicherheit, durch die permanente Drohung des Absturzes. In meinem Buch ist Armut kein Hintergrund, sondern eine Kraft, die Entscheidungen formt, Körper lenkt und Biografien verkürzt.
Diese Gewalt ist unsichtbar, weil sie legal ist. Sie braucht keine Täter im klassischen Sinn, nur Systeme, die Mangel verwalten und als individuelles Versagen erzählen. Wer arm ist, muss sich ständig rechtfertigen: für Bedürfnisse, für Müdigkeit, für Grenzen. Diese permanente Rechtfertigung ist Teil der Gewalt.
Literatur kann Armut nicht als Milieu behandeln, ohne sie zu verharmlosen. Sie muss zeigen, wie tief diese Gewalt in den Alltag reicht, wie sie Intimität korrumpiert, Hoffnung rationiert und Selbstbilder zerstört. Armut verletzt nicht einmalig – sie verletzt fortlaufend.