
Im Kopf sind wir alle einundzwanzig Jahre alt. Daran glaube ich ganz fest. Auch bei Babys ist das so, nur dass sie es eben noch nicht wissen und sie wissen auch nicht, was es bedeutet. Einundzwanzig Jahre alt zu sein, ist schon eine gute Sache. In dem Alter kann man schon ganz alt und faul sein, wie man es eben für die späteren Jahre schon gerne hätte. Man kann aber auch noch total flink und jeden Tag rausgehen, um Party zu machen. Das ist eben dann, wenn man einundzwanzig Jahre alt ist.
In dem Alter traf ich Samantha das erste Mal. Sie hatte blondiertes Haar. Ihr dunkler Ansatz floss langsam nach unten und die Haare mussten immer filzig, immer ungekämmt sein, das gehörte sich einfach so.
"Das ist doch total Rock'n'Roll." Von solchen Sachen hatte sie eben einfach Ahnung und da hatte ich nichts mitzureden. Die Samantha würde mal ganz groß rauskommen, das wusste ich schon mit einundzwanzig Jahren.
Das erste Mal verliebt war Samantha in ihren Vater. Das war damals, als wir uns kennengelernt hatten. Sie hockte hinter einem Baum und beobachtete ihren Vater, wie er seine neue Freundin traf. Das war kurz nach der Scheidung von ihrer Mutter. Dort hockte sie und weinte leise. "Bist du traurig, dass sie sich scheiden lassen?", fragte ich damals noch ganz dümmlich und auch unschuldig. Mit einundzwanzig
Jahren waren wir ja noch Kinder.
Aber traurig wegen der Scheidung war sie ganz und gar nicht. "Liebt er mich denn nicht?" Da merkte ich erst, dass Samantha nie Kind war. Sie hatte sich immer als etwas Gleichwertiges, etwas Frauliches gesehen. Für sie war es so: Geboren war sie als Frau. Die Nabelschnur wand sich von Frau zu Frau. So etwas wie ein Kind hat es bei ihr nie gegeben. Kind sein, das kannte sie nicht. Der Vater liebte also nicht das Kind, er liebte seine Frau und von diesem Zeitpunkt an sollten es zwei Frauen für ihn geben.
Die Geliebte ihres Vaters war blond, also hatte sie sich fest vorgenommen, von nun an blond zu sein. Die Haare färbten wir heimlich über der Küchenspüle. Samanthas Mutter war Go-Go-Tänzerin in Friedrichshain, also hatten wir die kleine Wohnung bei Nacht ganz für uns. Das war dann unsere Allein-Zeit, in der wir in Zeitschriften blätterten, laut Musik hörten und uns vorstellten, berühmt zu sein.
Es gab oft Ärger mit den Nachbarn, und wir stifteten Unruhe im Haus. Unsere Lieblingsbeschäftigung war es, viel Klatsch und Tratsch im Haus zu verbreiten, von dem natürlich nichts so ganz stimmte. "Also die Alte von unten, wie hieß sie noch gleich, die Frau Hoffmann, die hat gestern eine Macke in die Hausecke gefahren." Da regten sich natürlich alle tierisch auf, das war ein großer Spaß.
Samanthas Vater war so etwas wie eine Berühmtheit im Eck, weil er ein Durchtriebener war, so nannten ihn die Leute. Der soll ganz schwer Koks abhängig sein, kann alles besorgen und kauft immer auf Rechnung. "Na, da ist doch die kleine, dem Schmuck am Arm traue ich keine fünf Meter." So redeten die Nachbarn über Samantha, auffällig genug, dass wir es sahen, aber nie laut genug, dass wir es hörten.
Die kleinen Sticheleien konnten wir gut aushalten. Samanthas Mutter sagte immer: "Irgendwann werde ich einer von ihnen den Hals umdrehen und dann wird es den anderen noch vergehen."
Sie war eine schöne Frau. Wenn sie nach Hause kam, gab es für sie drei Dinge: ein Glas Vodka mit einer halben Zitrone, Käse-Maccaroni für die Mikrowelle und ihre Lieblingsseifenoper, die sie in der Mittagsvorstellung jeden Tag wiederholten. Ich mochte die Einfachheit der Menschen, das Ablegen des Körpers auf dem Sofa, die Kontrolle darüber, nichts zu wollen, außer ein wenig Unterhaltung.
Samantha aber stritt sich häufig mit ihrer Mutter. Sie waren schon seit ihren jüngsten Tagen zu Feindinnen geworden. Samantha wurde sozusagen mit einem ausgestreckten Mittelfinger geboren.
Daher, dass sie nie ein Kind gewesen ist, sah sie sich und ihre Mutter nur als Konkurrentinnen. Ich hatte Samanthas Vater nur einmal zu Gesicht bekommen und auch damals verstand ich nicht, weshalb zwei so hübsche Frauen sich auf ihn verschwendeten. Er hatte raue, dreckige Hände und sein Gesicht war ständig in Falten gelegt. Sein zerzauster Bart ließ ihn verkümmert wirken. Es gab nicht viel,
was Samatha mit ihrem Vater gemeinsam hatte. Er konnte sehr albern sein - eine Albernheit, die man gerne mit Zärtlichkeit verwechselte. Aber der Alkohol brachte seinen Jähzorn hervor. Dann saß er abends vor dem Fernseher und brüllte was das Zeug hielt. Einmal warf er die Fernbedienung in den Fernseher und weil das nicht genügte, knöpfte er sich gleich die Glasvitrine vor, in der Kinderfotos von
Samatha standen. Samantha in Mütze vor dem Brandenburger Tor im Regen, Samantha und ihre Mutter am 1. Mai - alles ging zu Bruch und lag wie bunte Puzzleteile am Boden.
Samantha schien jedoch keine Angst vor ihrem Vater zu haben, ebenso wenig wie ihre Mutter. "Er weiß schon, was passiert, wenn er mich auch nur falsch anfasst.", sagte ihre Mutter einmal, während sie eine Lucky Strike rauchte. Ich bewunderte ihre Mutter sehr, weil sie sich nichts gefallen ließ.
Dann gab es aber auch noch die Zeit, in der Samantha und ich zusammenzogen. Das war im Juli desselben Jahres. Bei gutem Wetter verleitet es mich ständig zu dummen Ideen. Wir zogen nach Neukölln ins Bahnhofsviertel, weil wir uns gut auf solche Gegenden verstanden. Von da an glaubten wir ganz fest daran, dass es unser großer Durchbruch werden würde.
Ich schuftete als Tellerwäscherin in einem Restaurant und Samantha als Kellnerin in der Stadt. Wir waren zwei Frauen, die sich nie zu fein dafür waren, uns die Hände schmutzig zu machen, ganz im Gegenteil: Schmutz war für uns eine Art Errungenschaft, mit der wir es pflegten, anzugeben.
Um unseren Träumen trotz unserer neuen Jobs nachzujagen, gründeten wir eine Band, die wir "The Wild Card Blondes" nannten. Wir übten hartnäckig daran, unsere Fähigkeiten in Gitarre und Klavier zu verbessern, und Samantha übernahm das Singen. Sie hatte eine rauchige Stimme, vermutlich ein Geschenk ihrer Mutter.
Es dauerte nicht lange, bis auch die neuen Nachbarn die Nase voll von uns hatten. Da gab es ständig Rumgeschreie und böse Briefe. Die drohten ständig mit der Polizei, wollten aber nicht mit uns reden, weil sie dachten, dass wir lesbisch seien. Von da an verlagerten wir dann unsere Musikstunden, spielten draußen oder in Cafés. Die Besitzer waren nie ganz zufrieden. Zuerst waren sie ganz begeistert, wenn
wir fragten, ob wir etwas spielen dürften, doch wenn wir dann spielten, verzogen sie das Gesicht und wimmelten uns ab. Denen war das zu rockig, damit konnten die nichts anfangen.
Samanthas Mutter besorgte uns dann schließlich einen Gig in einem Partyschuppen, aber das war gar nicht, wie wir uns das vorgestellt hatten. "Tja, was habt ihr denn gedacht? Das sind Koksnasen, da könnt ihr froh sein, dass sie noch stehen können." Allmählich dachten wir, das Musikbusiness sei vielleicht
gar nichts für uns. Es wurde uns auf einmal ganz bewusst, dass wir Arbeiterklasse waren. Von da an blätterten wir die Magazine mit ganz anderen Augen durch. Wenn wir die aufstrebenden Stars sahen, dann interessierten wir uns nicht mehr für ihre hübschen Frisuren oder die lackierten Nägel, sondern wir wollten unbedingt herausfinden, wer ihre Eltern waren. Zu dem Zeitpunkt waren sie für uns nur noch,
wer ihre Eltern waren und darüber entschieden wir dann auch, wer den Erfolg verdient hatte, weil er sich hart nach oben geschuftet hatte, oder wer auf den Händen der Daddys nach oben getragen wurde. Das war dann wieder Klassenkampf.
Wir stellten schnell fest, dass noch jemand in der Band fehlte. "Da muss es noch eine geben, die den Background singt und den Bass spielt, ganz funkig." Ich wollte dem nur unwillig nachgeben. Bisher hatte ich mir mit niemandem mein Leben teilen müssen, bis auf Samantha, und das war es auch, was ich für meine Zukunft vorgesehen hatte. Diese Band war unsere Sache, doch ich verstand, dass es
unvermeidbar war, uns zu vergrößern.
An einem Dienstag brachte Samantha dann Pabel nach Hause. Pabel war schlaksig, trug dunkles kurzes Haar und eine Brille. Ich war entsetzt. Samantha schlug vor, ihn in die Band aufzunehmen, denn er spielte ausgezeichneten Bass, sprach vier Sprachen fließend und trug weite Hosen, was natürlich total angesagt war. "Ich habe ihn im Orfeo aufgegabelt und er war gleich dabei."
Zu dem Zeitpunkt konnte ich Pabel noch nicht leiden. Es erschien mir so, als wollte er sich eine Freundschaft erschleichen, die ich mir jahrelang aufgebaut hatte. Er nahm den kürzesten Weg und bis zu meinem einundzwanzigsten Lebensjahr glaubte ich immer, dass Männer den kürzesten Weg nahmen.
Ich lehnte Pabel also ab. "Er ist eben nicht blond, so wie es unser Name doch predigt, und davon abgesehen, ist er eben auch keine Frau." Samantha widersprach mir nicht. Zwar war es nie eine offizielle Abmachung, dass nur Frauen der Band beitreten dürften, doch es war so etwas wie ein offenes Geheimnis, eben eine ganz klare Sache.
Samantha fand, es war eine blendende Idee, Pabel zur Drag Queen zu machen. Sie suchte ihm gleich die besten Kleider raus. In der Geschichte der Menschheit gibt es die Menschen, die für jeden Schund zu haben sind. Du gibst ihnen Scheiße und im Gegenzug bekommst du Gold. Samantha war so jemand. Eben eine echte Visionärin.
Die Idee von Pabel als Drag Queen lag mir flau im Magen. In der Nachbarschaft hatte sich unsere angebliche lesbische Beziehung herumgesprochen und nun kam eine Drag Queen auch noch mit ins Spiel. Pabel zu schminken machte jedoch furchtbaren Spaß. Am besten standen ihm Farben wie Pink und Rot, er hatte ganz schöne Lippen und seine Augenlider ließ er sich ebenfalls tuschen, ohne auch nur
einen Muchs des Widerwortes von sich zu geben. Ab da an fand ich Pabel sehr angenehm. Er war nicht besonders gesprächig, doch er blickte immer so drein, als hätte er eine Menge zu sagen.
Unseren ersten Gig zu dritt landeten wir kurz darauf in Tempelhof, im Silver Wings Club. Da fühlten wir uns gleich wohl, weil das rote Licht unsere Körper durchflutete und alles in einen harmonischen Fiebertraum verwandelte.
Im Silver Wings Club traf sich die ganze Szene. Damals war der Club die reinste Amerikanisierung - die Soldaten der US-Armee trafen sich hier nach dem Feierabend auf ein Bier. Hier lief englische Musik und es gab amerikanisches Bier. Zu der Zeit fanden wir das sehr chic und rockig. Kamen oft her und fühlten uns wie echte Amerikaner, sagten "hello, nice to see you.", und das alles. Wir wollten
unbedingt etwas anderes sein als Deutsch.
Der Gig lief wunderbar. Wir standen an derselben Stelle, wie Johnny Cash ein halbes Jahr zuvor gestanden hatte, trafen jeden Ton und Samanthas Stimme bahnte sich traumartig durch den Raum. Das Publikum feierte uns und wir dachten gleich an unseren großen Durchbruch.
Samantha kündigte ihren Job als Kellnerin. Sie wollte sich nun ganz der Musik verschreiben und reiste jeden Tag von Kneipe zu Kneipe, um den nächsten Gig zu ergattern. Ich arbeitete weiter als Tellerwäscherin, doch es sollte sich auszahlen, als eines Tages Mick Jagger das Restaurant betrat. In mir drehte sich gleich alles kreuz und quer, ich schmiss das Handtuch beiseite und machte mich gleich zu ihm rüber. Er war in Begleitung einer hübschen Frau. Die beiden redeten sehr innig.
Ich stand also vor ihm in meiner Dienstkleidung, weiße Bluse und schwarzer Rock, mein Körper bebte vor Nervosität und meine Stimme piepste, als gehöre sie nicht mir. "H-Hallo Mister Jagger." Es blieb keine Zeit, um sich zu schämen, denn er hatte schon die Speisekarte zur Hand genommen und fragte nach einer Suppe. Ich kam mir schon selbst ganz blöd vor, dass mir nicht gleich aufgefallen war, dass ich wie eine Kellnerin ausgesehen hatte.
"I want to make music with you." Das war aus mir rausgeplatzt und er hielt das Ganze für einen Scherz. Er war zu nett, um abzulehnen, das sah ich ihm gleich an. Bei manchen erkennt man das einfach. Wäre Samantha hier gewesen, wäre sie das alles ganz anders angegangen, ganz souverän hätte sie Mick um einen Gig gebeten.
"Fine, I'll see you tomorrow." Mit zitternden Händen nahm ich die kleine Karte aus seiner Hand, auf der mit feiner Handschrift die Adresse seines Managers in Berlin-Mitte geschrieben stand. Mit einem Mal lag mir die ganze Welt zu Füßen, alles drehte sich und ich quoll über vor Glück.
Aus dem Treffen wurde dann aber leider doch nichts. Weges eines Unwetters, das für Berlin angekündigt war, musste Mick schon früher losfahren, um sein nächstes Konzert in Wien nicht zu verpassen. Das schmetterte uns ganz schön nieder und Samantha lag eine wochenlang vorm Plattenspieler und hörte die Amis rauf und runter. Pabel war auch ziemlich down, weil er wegen seiner Draq-Queen-Aufmachung nur die Männer anzog. Er kam langsam mal aus sich raus und wollte mit einer Frau sein.
Mit dem Geld wurde es langsam knapp, jetzt, wo Samantha gekündigt hatte, reichte mein niedrig Lohn einfach nicht mehr aus, um die Wohnung zu halten, also zogen wir in eine Frauenkommune. Das war schon eine gute Sache, aber mir fehlte das Allein sein. In der Kommune gab es keine Türen und man tat alles vor den anderen. Wenn es etwas zu besprechen gab, hörten alle mit und die Matratzen lagen alle im Kreis um einen kleinen Glastisch herum. Das war dann das Wohnzimmer und da wurde einfach alles gemacht. Da wurde geraucht, gesungen und manchmal auch rumgemacht. In der Nacht hielt ich mir das Kissen über die Ohren, doch es nützte alles nichts.
Ein Jahr lang lebten wir dann als kleine Nomaden von Gig zu Gig aber es kam nie etwas Großes daraus zustande. Da glaubten wir dann schon fast gar nicht mehr dran, dass wir es mal schaffen könnten. In der Zeitung las Samantha, dass Mick Jagger und die Rolling Stones nach Berlin kommen würden und so war sie davon überzeugt, dass wir unser Konzert mit Mick nun doch noch bekommen würden.
Samantha trug ihre Haare wie immer filzig und offen, ungekämmt und damit eben ganz wie ein Rockstar.
Wenn ich sie sah, war es, als würde ich zum ersten Mal eine Frau sehen. Sie trug etwas, das aussah als nicht viel mehr als ein BH, der ihre Brüste schön umschmeichelte und darüber Lederjacke. Blonde Filzhaare und Lederjacke waren einfach ihr Ding. Sie wurde gleich hinter die Bühne gelassen, als sie vorgab, zur Band zugehören, was auch immer das bedeutete.
Mick erinnerte sich nicht an mich, doch als er Samantha sah, schien es gleich, als wären sie alte Freunde. Er war ganz eingenommen von ihrer Präsenz. Vom Sternzeichen her waren beide Löwe, das passte einfach unheimlich. Er wusste schon wie man mit Frauen umzugehen hatte, küsste ihr sofort die Hand und sowas, aber ich bemerkte auch gleich, dass er ein Frauenheld war. Das merkte ich schon an seinem Charme, besonders viel Mühe musste er sich nämlich nicht geben. In solchen Sachen war er sowas wie ein Naturtalent.
Eine Woche lang hielt das mit den beiden. Mick machte uns mit einigen Leuten bekannt, so auch mit Peter Greenwood von den Fleetwood Macs. Der war schon ein schüchterner Typ und für ihn interessierte ich mich. Abends im Bett stellten Samantha und ich uns vor, wie das wäre - sie mit Mick und ich mit Peter und dann im Tourbus zu den Amis rüber. Gleich darauf wollte Mick mit ihr weiter in die Schweiz, Berge sehen und so weiter, aber das war nichts für Samantha, die war ganz Berlinerin, von Kopf bis Fuß. Und verflucht eigenwillig, aber das gefiel dem Mick.
Als er tatsächlich in die Schweiz aufbrach, war sie ganz am Boden. Zwei Wochenlang las sie die Klatschzeitungen, in denen sie alles über Mick berichteten, und es dauerte nicht lang, bis sie die ersten Bilder von Mick und Marianne Faithfull abdruckten. Das hatte Samantha am Boden zerstört und sie weinte, wie in den Filmen.
Danach ging es eigentlich nur noch Berg ab. Jeden Tag tröstete sie sich über Mick mit einem anderen Kerl hinweg. Wenn sie Fotos von ihm in der Zeitung sah, waren es sogar zwei verschiedene Kerle am Tag. Auf diese Weise lernte sie auch Ricky kennen, der Gerüchten zufolge Mitglied der Hells Angels war. Mittags holte er sie dröhnend mit der Harley ab und morgens um sechs kroch sie sturzbesoffen die
Treppenstufen des Hauses hoch.
An die Band dachte sie von da an kaum noch. Pabel und mich ließ sie völlig im Regen stehen. In Lederjacke saß sie hinter Ricky auf dem donnerndem Sattel und dann zischten sie ab.
"Harley möchte ich auch fahren, das ist eine gute Sache." So ging das einige Wochen und Monate. Mick hatte ihr einmal einen Brief geschrieben. Er kam in feinem Papier an, seine Handschrift makellos, doch Samantha verbrannte ihn gleich und zündete sich vom Feuer des Briefes eine Zigarette an. Rauchen war damals ganz angesagt.
Mit Ricky ließ Samantha nichts anbrennen. Nach etwa zwei Monaten gab es dann die Hochzeit. Ricky fuhr im schwarzen Anzug mit Samantha ganz in Weiß auf seiner Harley durch Berlin. Die anderen Kerle der Hells Angels fuhren hinterher und es gab großes Aufsehen um die beiden. Pabel und ich konnten am nächsten Tag alles darüber im Fernsehen und in der Tageszeitung lesen. Für einen Tag wurde Samantha von allen Frauen der Stadt beneidet.
Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass Samantha den Ricky nur geheiratet hat, um Mick eifersüchtig zu machen. Der schrieb daraufhin noch zwei Briefe, die Samantha ebenfalls verbrannte, und danach habe ich nie wieder ein Sterbenswörtchen von ihm gehört.
"Die Männer, die können nicht allein sein, aber uns Frauen wird die Einsamkeit in die Wiege gelegt.", sagte Samantha einmal, als sie mich in der Frauenkommune besuchen kam, denn sie wohnte nun mit Ricky zusammen, in einer schicken Wohnung im guten Viertel. Das gute Viertel, das war es, wovon wir als Kinder oft geträumt hatten.
Mein Leben als Tellerwäscherin hatte ich für beendet erklärt. Stattdessen zogen Pabel und ich allein weiter und ich hatte meine Stimme als Country-Sängerin neu entdeckt. Die Beatles konnte ich auch gut leiden, die waren ja am Rande noch politisch.
Samantha war ganz aus meinem Leben verschwunden, und die Schlagzeilen in der Zeitung wurden immer skurriler. Da sie als eine Art Rebellin galt, war die Presse oft hinter ihr her. Vom Schundblatt wurde sie nun als festes Mitglied der Hells Angels angesehen, und da sie allerlei Verbindungen in Richtung der Kommunen und linken Organisationen hatte, wurde sie von der Presse zerrissen.
Die Zeitungen berichteten vom Ehe-Streit zwischen dem Hells Angels Ehepaar, davon, wie sie die Wohnung im Streit auf den Kopf stellte, Fetzen von Unterhemden flogen aus dem Fenster und schließlich flüchtete sie halb nackt aus der Wohnung und fuhr mit Rickys Harley davon. Das war das neue Rockstar-Getue.
Einige Zeit lang verlor ich sie aus den Augen. Ich war mit Pabel zusammengezogen und wir waren schwer ineinander verliebt. Wir waren eins dieser Pärchen, bei denen man schon dachte, dass sie lange miteinander verheiratet waren. Ich kannte seine Macken und wusste, was er sagen wollte, bevor er es sagte. Mein Leben war friedlich geworden. Ich arbeitete als Tippse in einem kleinen Büro und er wollte sich handwerklich orientieren. Mir wurde ganz schnell bewusst, dass ich nicht mehr einundzwanzig war.
An einem Mittwoch, es war später Nachmittag, las ich dann ihren Namen in den Todesanzeigen. Auf dem Titelblatt von Berlins größtem Schundblatt wurde ein Bild von ihr und Ricky gezeigt. Sie sah glücklich aus. Irgendwie jünger. Sie sahen aus wie ein ganz normales Ehepaar, die Harley posierte im Hintergrund. Sie war vielleicht die jüngste einundzwanzig Jährige, die ich je gekannt habe.
Samantha war ums Leben gekommen. Nach einem Streit mit Ricky, so selten waren diese Streitereien nicht, war sie wieder auf die Harley gesprungen. Das Tempolimit interessierte sie nicht, solche Regeln konnten ihr gar nichts. Auf einer Kreuzung hatte sie die rote Ampel übersehen und wurde von einem Auto erfasst. Samantha war sofort tot.
In dem Auto, das sie erfasst hatte, saß ein Typ von der Presse und so landete natürlich alles gleich am nächsten Tag schon im Käseblatt. Jeder zerriss sich das Maul über Samantha, und ihre ganze Vergangenheit wurde noch einmal ganz neu durchwühlt. Die machten auch keinen Halt vor ihrer trauernden Mutter, der Go-Go-Tänzerin oder dem Vater, der gut auf Heroin zusprechen war. Nein, die Leute erkannten eine offene Wunde und drückten ihre beiden Daumen hinein.
Die Beerdigung war düster - zu Besuch waren sehr wenige Menschen, die sie tatsächlich gekannt hatten.
Zwischen all den Hells Angels Typen erkannte ich ihren Vater am Boden zerstört und ihre Mutter, die weinte und gleichzeitig sehr alt geworden war. Nun, da ich sie sah, erkannte ich auch die Ähnlichkeit zwischen ihr und Samantha.
Doch da gab es noch etwas anderes. Zum ersten Mal erkannte ich, dass Samantha eben doch noch ganz Kind gewesen war. Sie war vielleicht als Frau zur Welt gekommen und ist mit jedem Tag jünger geworden, bis sie schließlich Kind war und auf der Harley umkam.
Auch Mick Jagger war zur Beerdigung gekommen, was dem Ricky gar nicht gefiel, doch er konnte keine Szene machen. Mick versuchte verzweifelt, mit ihren Eltern zu sprechen, doch beide sprachen nur spärliches Englisch und waren furchtbar am Weinen. Dann sah er mich, ein bekanntes Gesicht.
Es brauchte keine Worte, nur diese: "It was suicide."
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